Wo Muslime in Nürnberg ihre letzte Ruhe finden

Stadt(ver-)führung mit Arif Taşdelen.

 

Im Rahmen der Stadt(ver-)führungen, die dieses Jahr unter dem Motto „Macht“ stattfanden, gingen der Abgeordnete Arif Taşdelen, Integrationspolitischer Sprecher der BayernSPD und seit Juni diesen Jahres Vorsitzender der Enquete Kommission Integration und Erhan Cinar, Landesvorsitzender von Ditib e.V., den Bestattungsritualen von Muslimen auf den Grund.

 

17 interessierte Besucher fanden sich am Samstag Nachmittag im prächtigen Gebetsraum der Ditib Moschee ein, wo Erhan Çınar vom Ditib Ladesverband und Imam Doğan der Ditib Nürnbergeinen einen Einblick über Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod gaben. Ausführliche Informationen gab es über Rituale und deren Bedeutung der muslimischen Bestattung. Angeregt durch die aktuell angespannten politischen Lage diskutierte die Besucher auch über radikale Auslegungen des Islam sowie Gemeinsamkeiten und Gegensätze zum Christentum.

 

Das Thema muslimische Bestattung wird in Bayern erneut diskutiert, denn Bayern ist eines von drei Ländern, in dem die Sargpflicht noch besteht. Eine Vorschrift, die mit der Beisetzung nach muslimischen Richtlinien nicht vereinbar ist.

 

Die Beisetzung nach islamischer Tradition ist aufgrund der Sargpflicht nicht möglich

 

Die islamische Tradition sieht vor, dass die Bestattung unmittelbar nach Eintreten des Todes stattfindet, spätestens jedoch innerhalb von 48 Stunden. Der Körper soll heil zur Erde zurückkehren, bevor die Zersetzung einsetzt. Zunächst wird der Leichnam gewaschen, bevor er in ein Leinentuch gewickelt wird, um so in die Erde gelassen zu werden. Wichtig ist dabei der unmittelbare Kontakt zur Erde. Der Verstorbene wird auf die rechte Seite gelegt. Mit dem Gesicht gen Mekka. Außerdem sind Gräber – ähnlich wie im Judentum – für die Ewigkeit gedacht. Es gilt die ewige Totenruhe, die nich nach einem bestimmten Zeitraum verstreicht.

 

Die Sargpflicht in Bayern hält sich hartnäckig

 

Traditionen und Rituale, die mit dem Bayerischen Bestattungsgesetz kollidieren. Die Bestattung kann frühestens nach 48 Stunden erfolgen. Ursprünglich, um zu verhindern, dass Scheintote bestattet werden. Aufgrund des medizinischen Fortschritts ist dies jedoch längst überholt.

 

In Bayern besteht außerdem Sargpflicht. Die Begründung: Der Sarg ist notwendig, damit das Leichengift das Grundwasser nicht verunreinigt. Eine Expertenanhörung im Bayerischen Innenausschuss hat dies widerlegt. Lediglich ein Bestattungsunternehmer, hielt an dieser Begründung fest. Trotzdem hält sich die Sargpflicht hartnäckig.

 

Viele Muslime in Bayern lassen ihre Angehörigen in der Heimat beisetzen

 

Die Mehrheit der Muslime fliegen ihre Angehörigen laut Erhan Cinar aus, um sie nach islamischer Tradition in der Heimat bestatten zu können. Gerade die ältere Generation fühlt sich mit der Heimat sehr stark verbunden und hat dort Familie.

 

Die Beisetzung eines Angehörigen in der Heimat mit nicht unerheblichen Schwierigkeiten verbunden. Neben dem erheblichen bürokratischen Aufwand ist der Transport im Flugzeug pietätlos. „Neben Cargo Gepäckstücken werden die Angehörigen in die Heimatländer verfrachtet“ erklärt Taşdelen. Der Sarg als Fracht getarnt, um die Passagiere nicht zu beunruhigen. Die Bestattung innerhalb von 48 Stunden kann dadurch kaum eingehalten werden. Eine besondere Herausforderung wird es vor allem dann, wenn der Angehörige an einem Freitag Nachmittag stirbt, erwähnt der Abgeordnete leicht zynisch. Meint es jedoch durchaus ernst.

 

Am Nürnberger Südfriedhof gibt es ein Grabfeld für Muslime

 

Im Anschluss an die Einführung in der Ditib Moschee fuhr die Gruppe mit dem Fahrrad zum Nürnberger Südfriedhof um sich die Muslimfelder anzuschauen. Herr Loos von der Friedhofsverwaltung führte die Besucher vor Ort durch die Räumlichkeiten einer Waschung.

 

Am Nürnberger Südfriedhof gibt es seit 2001 ein Grabfeld für Muslime. Die Nachfrage ist jedoch so hoch, dass bereits ein zweites Feld eröffnet wurde, berichtete Herr Loos. Ca. 300 muslimische Bestattungen wurden in Nürnberg bereits vollzogen. Das klingt nicht viel, jedoch wird der Bedarf laut Herr Loos steigen. Die zweite und dritte Generation der Zuwanderer haben hier ihren Lebensmittelpunkt, Verwandte und Freunde leben in Nürnberg. Deshalb möchten Sie auch hier begraben werden. Auch der Abgeordnete Arif Taşdelen, möchte einmal in Nürnberg begraben werden. „Natürlich wird man bevorzugt dort beerdigt, wo die meisten Familienmitglieder leben. Meine Tochter wächst in Nürnberg auf, sie soll das Grab ihres Vaters jederzeit besuchen können.“

 

Die Bestrebungen die Sargpflicht in Bayern abzuschaffen waren bisher erfolglos

 

Im Juni 2015 gab es im Bayerischen Landtag bereits eine Abstimmung zur Aufhebung der Sargpflicht. Mit der Begründung, es gäbe keinen Bedarf für eine Gesetzesänderung wurde sie von der CSU abgelehnt. Kommenden Donnerstag wird das Thema erneut im Plenum behandelt.

 

„Ich rechne damit, dass wir Anfang 2017 die Sargpflicht ein für alle mal beerdigen können“, so Taşdelen.

 

Viele interessierte Fragen, aufmerksame Zuhörer und tiefgründige Gespräche charakterisierten die Führung. Im Anschluss an den Nachmittag rund um die Macht des Todes verabschiedete sich der Abgeordnete um seinen Hochzeitstag zu feiern. Das Leben ist voller Gegensätze, Leben und Tod liegen nah beieinander, so Taşdelen locker.

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